Die Idee der Borstei

Wohnsituation um die Jahrhundertwende

Das ausgehende 19. Jahrhundert in Deutschland war entscheidend geprägt von einer enorm fortschreitenden Industrialisierung und einer rapide steigenden Bevölkerung in den Städten.

Auch München erlebte einen Bevölkerungszuwachs von 153.000 im Jahr 1875 auf 349.000 in 1890. Im Zuge dieses gesellschaftlichen Umbruchs verschlechterten sich die Wohn- und Lebensverhältnisse in den neuen „Industriestädten" gravierend: für die arme Masse der Stadtbevölkerung entstanden trostlose und oft menschenunwürdige Mietskasernenquartiere, wohingegen nur das wohlhabende Bürgertum in Landhäuser am Stadtrand oder in Vororte ziehen konnte.

Um einen Mittelweg zwischen grüner Landvilla und enger Mietskaserne zu schaffen entstand um 1900 unter dem Einfluss der englischen Gartenstadtbewegung ein neuer städtebaulicher Ansatz. Dieser setzte sich zum Ziel einer breiteren Bevölkerung bezahlbares, naturverbundenes und gesundes Wohnen in lockerer Bebauung zu ermöglichen.

So wurden in München verschiedene Wohnkolonien verwirklicht, wie die Reihenhauskolonie von Heilmann und Littmann in Gern oder die Pasinger „Einfamilienhäuser Kolonie" des Architekten August Exter. Diese neue Bauform stieß infolge des erhöhten Grundstückbedarfs und der steigenden städtischen Bodenpreise aber auch bald an ihre Grenzen.

 

Bernhard Borsts eigene Lösung zum geeignetem Wohnheim

Im Laufe der Jahre hat Bernhard Borst das Idealbild des Einfamilien- und Reihenhauses nüchterner gesehen und suchte nach einer Lösung für ein bezahlbares, naturverbundenes Wohnen in der Stadt: „Ich erkannte viele Nachteile des Einfamilienhauses, wusste aber auch um die Monotonie der Mietskasernen und so suchte ich das Schöne des Einfamilienhauses mit dem Praktischen einer Etagenwohnung zu verbinden."

So entstand in den Jahren 1924 bis 1929 die Borstei als eine autarke, in sich geschlossene Wohnsiedlung für den bürgerlichen Mittelstand. Das gesamte Ensemble besteht aus langgestreckten Häuserzeilen mit 77 drei- bis viergeschossigen Häusern und 772 Wohnungen, die von mehreren Höfen und Gartenanlagen mit Bäumen, Brunnen und Kunstwerken umgeben sind.

Die Größe und Organisation machen die Anlage zu einem ganzheitlichen System wie einem „Dorf in der Stadt": fünfzehn eigenständige Läden versorgen die Bewohner für den täglichen Bedarf, ein Postamt, Cafe, und eine Apotheke vervollständigen das Angebot.

Zur Bequemlichkeit der Mieter schuf Borst unter anderem noch einen Kindergarten, eine Wäscherei mit Abholservice, beheizte Garagen und ein zentrale Heizwerk für Heizung und Warmwasserversorgung aller Wohnungen.